„Leo Lausemaus und Papa Brumm“

 

Du kannst Bankmanager, Maurermeister oder Morgensternschläger beim Sultan von Konstaninopel gewesen sein – es gibt einen harmlos erscheinenden Job, bei dem dir kaum eine Berufserfahrung hilft, der dich ordentlich ins Schwitzen bringt, aber deinen Fleiß mit Anerkennung und Zuneigung belohnt. Diese Herausforderung heißt: Ehrenamtlicher Lesepate im Kindergarten oder in der Grundschule. Vor einem Dreivierteljahr habe ich damit angefangen, und es war schon ein Abenteuer, als ich mich erstmals in einer Bibliothek nicht mit Solschenizyn, Goethe oder Böll, sondern mit Leo Lausemaus, Papa Brumm oder Shaun, dem Schaf herumschlug. Eigentlich bin ich ein recht selbstbewusster Senior, aber unter den kritischen Blicken der jungen Mütter wurde ich windelweich, und die Diskussion mit den Mitarbeiterinnen unserer Pfarrbücherei über die lerntheoretischen Hintergründe von „Paulchen hat Bärenhunger“ und „Unser erster Tag im Tierkindergarten“ zeigte mir, dass Kinderbücher keine hirnfreie Trivialliteratur, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil von Bildung und Erziehung sind.

Bei meiner ersten Vorstellung in einem Hülser Kindergarten hatte ich mit der Erziehung zunächst meine liebe Not. Wer sich auf das Minenfeld unvorhersehbarer Reaktionen eines Rudels von allerliebsten Dreijährigen wagt, der fühlt sich anfangs so hilflos wie der allgewaltige Arnold Schwarzenegger in Ivan Reitmans Film „Der Kindergarten-Cop“. Genau genommen war ich zum Vorlesen da, aber als mir Klein-Betty mit schmerzerfülltem Blick ein winziges rotes Pünktchen auf ihrem Zeigefinger als Folge einer kompromisslosen Auseinandersetzung mit Klein-Kira über die Besitzansprüche an einem bunten Einhorn-Figürchen zeigte, musste ich erst einmal tief in meine Mitgefühlkiste greifen. Kaum hatte ich ihr meine Anteilnahme an diesem schlimmen Schicksalsschlag ausgedrückt, fühlte sich auch schon die nächste Kleinst-Prinzessin benachteiligt und konterte mit der Präsentation ihrer wunderschönen neuen Glitzerpantoffeln. Dies wiederum bewirkte eine eifersüchtige Generaldebatte mit Schmoll- und Stur-Attacken nahezu aller zur Lesestunde angetretenen Kids.

Ich stellte fest, hier tobt der Bundestag im Miniaturformat und konstatierte, dass ich für die notwendige Disziplin des Zwergen-Publikums meine gesamte diplomatische Kompetenz aufbringen und einen gehörigen Teil meiner Nerven opfern musste. In der folgenden Dreiviertelstunde fühlte ich mich wie ein selbstverschuldeter Märchen-Guru, der die Aufmerksamkeit und das Vertrauen auf sich gezogen hatte und nun etwas Sinnvolles und Nachhaltiges damit anzufangen hatte. Immerhin symbolisieren die kleinen und großen Tiere in den Geschichten vorbildliche Charaktere und Lebenssituationen, die in den unvoreingenommenen Köpfen meiner Zuhörer beispielhaft nachwirken und sie zum Nachdenken bringen können. „Könnt ihr haben“, dachte ich trotzig, und mir wurde der Auftrag, ein bleibendes Interesse an Literatur zu wecken, zur Leidenschaft.

Deshalb mutiere ich jedes Mal zum lesenden Schauspieler, ahme Stimmen und Gesten der handelnden Tiere und Personen nach und fordere die Kinder auf, es mir gleichzutun und über das eben Gelesene zu diskutieren. Solange ihre begrenzte Aufnahmefähigkeit es ihnen erlaubt, machen sie begeistert mit, und ihr ungebrochenes Interesse zeigt mir, dass dieses Theater kein bloßer Zeitvertreib, sondern die wunderbare Chance ist, Fantasie und Kreativität zu beflügeln und lebensnotwendigen Bildungshunger zu wecken. Ganz nebenbei habe ich gemerkt, wie wichtig und verantwortungsvoll die Arbeit der professionellen Erzieher unserer Kinder ist. Für diese Erfahrungen bin ich ihnen und den Kids sehr dankbar.

 

Ihr Wolfgang Jachtmann