Ein blutschwitzendes, tauchfähiges Schweinswesen soll im afrikanischen Urwald herumgeistern. Einheimische Stämme beschreiben das Tier in Liedern und Geschichten. Lange wird dieses Wesen für eine Fabelgestalt gehalten. Heute lebt ein vollkommen reales Exemplar mit Namen Katka im Krefelder Zoo: Was zunächst undenkbar schien, entpuppte sich in den 1930ern als ein weiteres Wunder der Natur. Dass unser Planet viele Mysterien bereithält, die es noch zu entschlüsseln gilt, zeigt nicht zuletzt das Fachgebiet der Kryptozoologie, auf dem auch am Niederrhein eifrig geforscht wird.

Kryptozoologie

Natale Cincinnati ist leidenschaftlicher Hobbyforscher: „Meine Begeisterung für Tiere begann, als ich ein Kind war.“

In einem schottischen See wird in regelmäßigen Abständen ein schwimmendes Ungetüm gesichtet, in Nordamerika erzählt man sich von einem riesenhaften Affenmenschen, und kongolesische Pygmäenstämme glauben an die Existenz eines elefantengroßen Dinosauriernachkommens. Die Liste fantastischer Kreaturen, die in verschiedensten Teilen der Erde leben sollen, könnte noch viele Zeilen füllen. Wer nicht selbst zur lokalen Glaubensgemeinschaft gehört, für die die Existenz dieser Wesen teils seit Generationen feststeht, zieht schnell den Schluss, dass es sich dabei um nichts als Märchen und Gruselgeschichten handeln kann. Ähnlich hält es sich, wenn mitten in Deutschland angeblich Raubkatzen gesichtet oder eine ausgestorbene Tierart vermeintlich wiederentdeckt werden. Ein schlichtes Ablehnen jeglicher Möglichkeit sei in Anbetracht der Vielzahl an wundersamen Geschöpfen, die unsere Welt beherbergt, allerdings ein voreiliger Schluss, findet Inter- natspädagoge und Kryptozoologe Natale Cincinnati.

„Es gab schon im frühen 19. Jahrhundert einen sehr berühmten Wissenschaftler, Georges Cuvier, der sich zu der Aussage hinreißen ließ, man habe alles, was es zu entdecken gebe, bereits erforscht. Nach seinem Tod wurde er dann widerlegt – erst dann wurden viele Großsäuger gefunden“, erklärt der studierte Kulturanthropologe und Paläontologe, der seit mehreren Jahren als Vorstandsmitglied im deutschen Netzwerk für Kryptozoologie aktiv ist. Die den sogenannten „Parawissenschaften“ zugeordnete Kryptozoologie ist als Fachgebiet zwischen Natur- und Kulturwissenschaft zu verstehen. Unter dem Begriff werden drei Bereiche, nämlich die Forschung an ausgestorbenen oder ausgestorben geglaubten Arten, sogenannten „Out of Place Animals“ (= Tierarten, die in einem für sie völlig fremden Lebensraum auftauchen) und Fabeltieren, zusammengefasst.

Kryptiden: im Urwald, im Meer – und am Niederrhein

Eines dieser vermeintlichen Fantasiewesen wurde, wie eingangs erwähnt, im frühen 20. Jahrhundert plötzlich real. „In den Kulturen einheimischer Ethnien gab es Erzählungen von einem großen Schwein, das Blut schwitzt. Sie hatten auch ein Wort verwendet, das auf ein Nilpferd hindeutete, erzählten aber, dass es sich kaum im Wasser aufhalte und viel im Wald unterwegs sei. Diese Beschreibung passte weder auf ein normales Nilpferd noch auf ein normales Schwein. Der Tierfänger Hans Schomburgk nahm sich der Sache an und spürte dem Tier sehr lange nach. Eines Tages stand er ihm dann plötzlich gegenüber, das war in den 1930er Jahren. Vieles, was vorher nur in der Folklore der Einheimischen herumwaberte, bewahrheitete sich. Zwergflusspferde schwitzen tatsächlich Blut, wenn sie länger nicht im Wasser sind“, erörtert Natale Cincinnati. „Es ist auch durchaus wahrscheinlich, dass große Lebensformen irgendwo existieren, die wir noch nicht entdeckt haben. Einige der größten und so gesehen auffälligsten Arten einer Spezies sind häufig zuletzt gefunden worden, zum Beispiel der Berggorilla bei den Menschenaffen.“

Kryptozoologie

„Zwerghippo gefangen, ein nettes Tierchen“, lautete das Telegramm des Tierfängers Hans Schumburgk an seinen Auftraggeber Carl Hagenbeck, nachdem er das Zwergflusspferd endlich aufgespürt hatte

Die Kenntnis des Planeten sei noch sehr lückenhaft. Das liege unter anderem daran, dass Wissenschaften klassischerweise nach dem Ausschlussverfahren arbeiten. „Wenn ein Zoologe mit einem Phänomen konfrontiert wird, fragt er erstmal ‚Ist das überhaupt wahrscheinlich?‘ und kommt in der Mehrheit der Fälle zum Schluss, dass es das nicht ist. Und aufgrund dieser Unwahrscheinlichkeit ist es dann auch keiner weiteren Erforschung wert. Der Kryptozoologe nimmt Befunde, Augenzeugenberichte, gegebenenfalls sogar Sichtungsmaterial, zur Grundlage, auch unvorstellbare Dinge in Erwägung zu ziehen“, erklärt er. Trotz dieser offenen Geisteshaltung setze sich die Kryptozoologie auch dezidiert mit den psychologischen Grundlagen menschlicher Wahrnehmung auseinander. Ob fantastische Beobachtungen tatsächlich einen realen Kern haben können, hinterfragen rezeptionswissenschaftliche Experimente. Am Loch Ness wurde beispielsweise mit Hilfe eines aus dem Wasser ragenden Stocks erforscht, wie sehr sich Beobachter vom Mythos Nessie würden beeinflussen lassen. Solche Testungen dienen als Grundlage, um Augenzeugenberichte zu deuten.

Im Falle von Fabelwesen sind derartige Versuchswerte natürlich wesentlich weniger verlässlich als in Bezug auf bereits bekannte Tiere und potenzielle Artverwandte. „Es ist natürlich toll, von Bigfoot oder Nessie zu lesen, aber das ist nicht mein Revier. Da habe ich keinen Zugriff drauf. Ich bewege mich vor allem im Bereich der Out of Place Animals, denn da habe ich die Möglichkeit, mich mit etwas direkt auseinanderzusetzen“, erzählt Natale Cincinnati, der sich derzeit im Rechercheprozess für eine Veröffentlichung über kryptozoologische Phänomene am Niederrhein befindet. In den vergangenen Jahren gab es in Nordrhein-Westfahlen immer wieder Sichtungen nicht heimischer Tierarten. Beispielhaft zu nennen wäre der Eifelpanther, eine große Raubkatze, die von mehreren Wanderern und Spaziergängern beobachtet und sogar filmisch festgehalten wurde. „Von solchen ‚Alien Big Cats‘ (= „fremdländische Großkatzen“, Anm. d. Red.) gibt es weltweit tausende Fälle. In Deutschland sind wir auch schon im dreistelligen Bereich“, so der 41-Jährige.

Kryptozoologie
Einen Fall in Neuss-Holzheim untersuchte Cincinnati selbst vor wenigen Jahren. Dort hatte eine junge Frau unweit ihres Elternhauses eine übergroße Katze beobachtet, die sie vom Siedlungsgebiet aus bis auf ein Feld verfolgen konnte. Warum diese großen Tiere allerdings nie von Wildkameras aufgezeichnet werden, kann der Kryptozoologe selbst nur spekulieren: „Katzenartige, wie der Luchs zum Beispiel, wählen sehr abgelegene Wege und meiden menschengemachte Pfade. Deshalb gibt es von ihnen auch viel weniger Aufnahmen – so könnte es zu erklären sein, dass Alien Big Cats noch nicht von Wildkameras aufgezeichnet wurden. Zudem besteht die Vermutung, dass Wildtierkameras im Ultraschallbereich Töne abgeben, auf die Katzen ausweichend reagieren.“

Dass es exotischen Tieren aus fremden Klimazonen durchaus möglich ist, sich in einem völlig neuen Habitat anzusiedeln, zeigen nicht zuletzt die vielen Beispiele von Halsbandsittichen und anderen Vogelarten, die in einigen Teilen des Niederrheins stabile Populationen aufbauen konnten. Die grünen Edelpapageien, die auch den Krefelder Kaiserpark bevölkerten, seien ursprünglich Gefangenschaftsflüchtlinge gewesen, ausgebrochen aus dem Gehege eines Züchters. „Die breiten sich entlang des Rheins ganz munter aus. Dort scheint für die Sittiche eine günstige Klimazone zu sein. Tiere sind zu unfassbaren Dingen in der Lage – Extremsportler, wenn man so will. Es gibt besenderte Vögel, die nachgewiesenermaßen in zwei Jahren nicht einmal gelandet sind.“ Im Falle wiederentdeckter oder neu angesiedelter Spezies gehört es auch zu den Bestrebungen des internationalen Kryptozoologie-Netzwerks, nach deren Auffinden Schutzprogramme anzuregen, um die Tiere zu retten oder neu gegründete Populationen zu unterstützen. „Wir leben heute in einer Zeit, in der wir als Menschen das Antlitz der Erde so stark beeinflussen, dass es zu einem riesengroßen Artensterben kommt. Und da ist diese kleine Spartenforschung, die sagt: ‚Wir können auch Neues erschließen und Ausgestorben-Geglaubtes wiederentdecken.‘ Das kann auch Hoffnung geben. Wenn es um eine ausgestorbene Spezies geht, geben sich andere damit zufrieden, dass sie einfach weg ist. Wir denken: ‚Vielleicht nicht‘.“

Ob nun aus abergläubischer Neugier oder wissenschaftlichem Interesse – einen offenen Geist für die Schaffenskräfte unserer Natur und deren Bewohner zu bewahren, öffnet den Blick auf zahlreiche fantastische Entdeckungen. Nicht nur im afrikanischen Urwald, auch am Niederrhein, lohnt es sich, der Fauna ab und an ein achtsames Auge zu schenken: ob beim Spaziergang durch den Park, über den Hülser Berg oder gar im Krefelder Zoo, wo es einige höchst wundersame Wesen zu bestaunen gibt, deren Existenz vor nicht allzu langer Zeit noch eine Sensation war.

Weitere Informationen unter www.netzwerk-kryptozoologie.de