In Zeiten des stetig voranschreitenden Turbo-Neo-Kapitalismus sind heute etliche Angestellte lediglich zur Effizienz verdammte Nummern profitorientierter Konzerne. Es gilt das Prinzip: Geld gegen Arbeit. Modernes Söldnertum, das menschlicher Wertschätzung und gegenseitiger Solidarität entbehrt. Wer geht oder gekündigt wird, blickt nicht zurück. Dass diese Form der Unternehmenskultur ein Joch der Neuzeit ist, belegt der Blick in die Vergangenheit, in der von Menschlichkeit geprägte inhabergeführte mittelständische Firmen das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildeten. Ein weit über die Krefelder Stadtgrenzen hinaus leuchtendes Beispiel dafür ist die 1876 gegründete und 1988 geschlossene Leo Sistig KG. Noch heute, 30 Jahre nach dem Konkurs des Unternehmens, treffen sich die ehemaligen Mitarbeiter einmal im Jahr in Reminiszenz an die guten alten Tage und die Unternehmer-Familie Sistig. Ein Novum; nicht nur in der Seidenstadt.

 

Entrepreneur und Pionier Leo Sistig legte den Grundstein der Unternehmer-Dynastie an der Gladbacher Straße mitten in der sich aufbäumenden Welle der später brechenden Industriellen Revolution. Der Betrieb fertigte zunächst Webstühle für die sich seinerzeit bereits auf dem Zenit befindliche Textilindustrie. „In Krefeld gab es in jenen Tagen etliche kleine Hauswebereien, die im nicht geringen Maße für die Blütezeit unserer Stadt mitverantwortlich waren“, erzählt der Urenkel des Firmengründers, Andreas Sistig, der die Geschicke des Traditionsbetriebes eigentlich hätte weiterführen sollen, aber infolge der Schließung Karriere in der Kosmetik-Branche machte.

Andreas Sistig machte nach der Schließung
des Traditions-Betriebs Karriere in der
Kosmetik-Industrie

 

„Die technologischen Fortschritte vollzogen sich damals rasant. Von der Dampfmaschine bis zur ersten computergestützten Steuereinheit vergingen nur etwas mehr als 100 Jahre.“ Wesentliches Kennzeichen der Sistigs war seit jeher, den steten Wandel als Konstante zu begreifen und die zunehmende Mechanisierung und Elektrifizierung in die Produktion zu implementieren. Nach den Webstühlen fertigte das Unternehmen Transmissionsräder, danach sogenannte Trockenausrüstung zum Scheren von Teppichen, ehe mit der Tamburraumaschine schließlich das innovative Meisterstück die Produktionsstätten verließ und sich seinen Weg in die gesamte Welt bahnte. Die Produkte „made in Krefeld“ waren lange nach der Insolvenz heißbegehrt. Leo, Alfons senior und Alfons junior, die über zehn Dekaden mit gleicher visionärer Kraft das Unternehmen vorantrieben, einte dabei nicht nur der geschäftliche Weitblick, sondern auch das Verständnis für die Bedürfnisse der Mitarbeiter.

 

 

 

„Alfons Sistig junior war für uns eine Vaterfigur“, erzählt der ehemalige Monteur Günther Köhnen wehmütig. „Er hatte für uns immer ein offenes Ohr, aber verstand es gleichermaßen, den Betrieb mit einer berechenbaren Strenge zu führen.“ Köhnen ist der Initiator des alljährlichen Treffens der ehemaligen Sistig-Mitarbeiter, das zunächst als Fortführung der Weihnachtsfeier gedacht war, zu der auch immer die Ehemaligen eingeladen worden waren. „Da ich bereits als Auszubildender zu Sistig kam, war mir lange nicht klar, dass die damals von Herrn Sistig vorgelebte Unternehmenskultur nicht selbstverständlich ist. Erst nachdem wir in einen anderen Betrieb kamen, verstand ich, welch außergewöhnliches Miteinander wir damals hatten. Deswegen entschloss ich mich, den alten Kreis wieder zusammenzuführen.“ Ein Großteil der ehemaligen Sistigianer wechselte samt Know-how und Maschinen nach der Schließung zu M-Tec in Viersen. Dieser Kreis bildete die Keimzelle der alljährlichen Zusammenkunft und wurde über die Jahre Stück für Stück erweitert. Der älteste Teilnehmer ist inzwischen 95 Jahre alt und arbeitete unter Alfons Sistig senior und junior.

Auch der damalige technische Leiter der Leo Sistig KG, Karl-Heinz Lüngers, nimmt regelmäßig an den Treffen teil. Als Elektriker-Lehrling in den Betrieb gekommen, schwang sich der heute 70-Jährige mit der Unterstützung des Inhabers zum technischen Leiter auf und dankte es ihm mit der Mitentwicklung zahlreicher Maschinen, für die er und der Betrieb etliche Patente erhielt. „Wir hatten damals einen Teamgeist, den man heute nicht mehr findet“, erinnert sich Lüngers an die Hochzeiten seiner beruflichen Laufbahn. „Wann immer man Rat suchte, bekam man ihn auf allen Ebenen. Dieser Familiengedanke wurde von Herrn Sistig in jeder Minute gelebt und führte dazu, dass alle mit vollem Engagement zu Werke gingen. Ich bedaure die Schließung bis heute sehr. Danach habe ich nichts Vergleichbares erlebt. Vor allem tat es mir für Herrn Sistig leid, denn er hatte einen wirklich feinen Charakter.“

In der wohl schwierigsten Phase im Leben Alfons Sistigs machte sich dieser „feine Charakter“ bezahlt. Nach der Insolvenz verzichteten fast alle Gläubiger auf ihre Forderungen. „Darüber habe ich mich damals sehr gefreut“, sagt Andreas Sistig mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Mein Vater hat an diesem Punkt das zurückbekommen, was er vorher säte. Ein Trost in einer harten Zeit.“ Alfons Sistig junior starb 2015 im Alter von 89 Jahren. Damit ist der letzte Inhaber der Leo Sistig KG gegangen. Die Unternehmer-Dynastie lebt derweil weiter, denn Andreas Sistig führt seit 2015 als Eigentümer und Geschäftsführer die Parico Cosmetics GmbH in Dorsten. Er lebt in diesem Unternehmen die Werte weiter, die er von seinem Vater vermittelt bekam. Dem Mann, in dessen Andenken sich heute noch seine ehemaligen Mitarbeiter versammeln.