Es gibt in Krefeld zahlreiche Bauten, an denen das öffentliche Interesse hängt. Sei es das Seidenweberhaus, das wegen seiner Veranstaltungsqualitäten gelobt und wegen der klobigen Siebzigerjahre-Architektur verteufelt wird. Das Rathaus, bei dessen Betrachtung Krefelds Geschichte als Seidenmetropole zu leben beginnt. Oder die Häuser Lange und Esters, die Krefeld wohl für immer mit Mies van der Rohe verbinden werden. Sucht man allerdings in der Stadt der Sie Knöngels und Meister Ponzelars nach der Immobilie, dem der größte Zauber innewohnt, so fällt die Wahl wohl bei vielen auf das Palmenhaus. Einst in den 1920er-Jahren als Gewächshaus errichtet, war es ab Mitte der Neunzigerjahre Heimat der hiesigen Boule-Freunde, ehe es 2017 an einen neuen Eigentümer veräußert wurde. Das, was dieser Tage unter dem gläsernen Dach entsteht, lässt Architekten- und Kinderaugen gleichermaßen erstrahlen.

Als Deutschland sich gerade vom ersten Weltkrieg erholte, die Weimarer Republik die diametralen politischen Kräfte noch zu bändigen wusste und die ersten Serienautos die Straßen befuhren, wurden die von Vagedes als Musterbeispiel innerstädtischer Planung angelegten Wälle von opulenten Kübelpflanzen gesäumt, die ihren Ursprung im Grünflächenamt am Baackesweg fanden. Um der empfindlichen Flora auch während der kalten Monate eine schützende Herberge zu bieten, entschieden sich die Stadtoberen seinerzeit zur Erbauung des gläsernen Jugendstilgebäudes, das sich optisch auch heute noch in das Ensemble des angrenzenden Baackeshofs eingliedert. Bis 1997 diente es eben jenem Zweck, dann verzichtete die Stadt auf die eigene Gärtnerei und auch das Palmenhaus war verwaist. Nach einigen Monaten des Leerstandes fand sich eine Gruppe mutiger Investoren, die als Eigentümergemeinschaft den Baackeshof samt Palmenhaus erwarben. „Als ich das Ensemble das erste Mal sah, war ich gleich Feuer und Flamme“, beginnt Innenarchitekt Jochen Usinger zu erzählen, „ein Bauernhof mitten in der Stadt und trotzdem idyllisch gelegen, ist nicht oft zu finden. Als eine der Kaufbedingungen verlangte die Stadt allerdings ein Konzept zur weiteren Nutzung des Palmenhauses. So entstand die Idee, den Verein ‚Winterübungshalle zur Ausübung des Petanque-Sports e.V.‘ zu gründen.“ Während sich fortan betagte Herren vom Rebensaft inspiriert in der wohl schönsten Boule-Anlage Deutschlands die Kugel gaben, verwandelte die Eigentümergemeinschaft um Usinger den Dreikanthof in eine architektonische Perle. Besonders verdient machte sich damals ein Student namens Martin Klein-Wiele, der im Büros Usingers arbeitete. Wie es das Schicksal wollte, wurde aus der Lehrer-Schüler-Beziehung im Jahre 2006 eine Verbindung auf Augenhöhe, die in der Gründung der UKW (Usinger/Klein-Wiele) Innenarchitekten GbR mündete. Damals wie heute ansässig im Baackeshof.

Die zwei über eine Brücke miteinander verbundenen Holz-Kuben sind an der Westseite mit einem Versatz von nur 30 Zentimetern zur äußeren Wand beinahe bündig angelegt, um große Freiflächen an Ost- und Südseite zu schaffen

Während Usinger und Klein-Wiele, inzwischen Professor an der PBSA Düsseldorf, sich in den Folgejahren zahlreiche Meriten erwarben, entwickelte sich das Palmenhaus zunehmend zum Sorgenkind. Lediglich im Winter von den frankophilen Kugelstoßern genutzt, verlangte das Gebäude wegen hoher Wartungs- und Unterhaltskosten nach einem Konzept für den Sommer. „Unsere anfängliche Idee, das Gebäude für Veranstaltungen zu gebrauchen, entpuppte sich ziemlich schnell als mühsam. Jede Veranstaltung musste bei der Stadt angemeldet werden. Aber der wichtigste Grund, von dem Konzept Abstand zu nehmen, waren die Beschwerden der Nachbarn“, erklärt Usinger und verweist auf die weiteren Vorschläge. „Ob Restaurant, Cafè oder Weinhandel, es war keine Idee dabei, die uns wirklich überzeugt hat und damit auch die Bank überzeugt hätte.“ Martin Klein-Wiele, seit vier Jahren mit Grundschullehrerin Karen Kazaura liiert, trug sich indes mit dem Gedanken, von Düsseldorf nach Krefeld zu ziehen und sondierte bereits den Häuser-Markt. „Dann kam Jochen auf mich zu und fragte, ob ich das Palmenhaus kaufen möchte. Ich war zunächst hin- und hergerissen. Der Gedanke war faszinierend, aber ich hatte Zweifel, ob das Gebäude mit 300 Quadratmetern nicht zu groß ist. Der zwischenzeitige Plan, dort zwei getrennte Einheiten zu schaffen, zerschlug sich aber rasch, weil dadurch die weitläufige Architektur des Gebäudes zerstört worden wäre. Die Entscheidung, es mit Karen und den Kindern alleine zu bewohnen, wurde stark von Jochen und unserem Team beeinflusst, weil wir gemeinsam eine Vision entwickelten, die vor allem die Zweifel zerstreuten, dass ein Haus im Haus beklemmend wirken könnte und wir auch eine Antwort darauf fanden, was passiert, wenn die Kinder einmal ausziehen“, beschreibt Klein-Wiele den Prozess der Entscheidungsfindung.

Wohnraum im Wohnraum zu schaffen oder ein Haus unter einem gigantischen Wintergarten, ist ein faszinierendes Unterfangen mit vielen Pro- und wenig Contraargumenten, doch gespickt mit zahlreichen Hürden, die gewöhnliche Häuslebauer nicht überwinden müssen. Für Klein-Wiele galt es, ein Konzept zu entwickeln, das den besonderen Umständen und Vorgaben des Denkmalschutzes Rechnung trägt, das äußere Erscheinungsbild bewahrt und Fragen nach der Wohnbarkeit unter dem Dach eines Gewächshauses beantwortet. Lange haben er, Usinger und das gesamte UKW-Team an der Architektur gefeilt, Experten für Belüftung, Brandschutz und historische Bausubstanz zurate gezogen. Mit viel Herzblut, Respekt vor dem Bestand und schöpferischer Euphorie ist dabei ein Doppel-Kuben-Modell aus Holz entstanden, das beispielhaft mit der Architektur des Jugendstilbaus korrespondiert, die Formen aufnimmt und die Großzügigkeit bewahrt.

„Als ich das Ensemble das erste Mal sah, war ich gleich Feuer und Flamme“, beginnt Innenarchitekt Jochen Usinger zu erzählen, „ein Bauernhof mitten in der Stadt und trotzdem idyllisch gelegen, ist nicht oft zu finden.”

 

 

 

 

 

Wohnraum im Wohnraum zu schaffen oder ein Haus unter einem gigantischen Wintergarten, ist ein faszinierendes Unterfangen mit vielen Pro- und wenig Contraargumenten, doch gespickt mit zahlreichen Hürden, die gewöhnliche Häuslebauer nicht überwinden müssen.

 

 

 

 

 

 

 

Wer heute das Palmenhaus betritt, findet das Projekt in der Mitte seiner Umsetzung vor. Es bedarf keiner großen Fantasie, es in Gedanken zu vervollständigen. Die zwei über eine Brücke miteinander verbundenen Holz-Kuben sind an der Westseite mit einem Versatz von nur 30 Zentimetern zur äußeren Wand beinahe bündig angelegt, um große Freiflächen an Ost- und Südseite zu schaffen. Besonders der Hauptwohnraum im großen Kubus geht eine fast symbiotische Verbindung mit der inneren Erscheinung des historischen Gewands ein und überträgt stilprägende Kennzeichen des Palmenhauses in die Innenarchitektur. Die hohe Decke samt Oberlicht, riesige Doppelflügeltüren und Fenster lassen das Äußere und Innere miteinander verschmelzen. „Wir möchten das Palmenhaus mit all‘ seinen Vorzügen nutzen, deswegen war es uns wichtig, Kuben und Außenraum ohne Abschlüsse miteinander zu verbinden. Wenn beispielsweise unsere Tochter Lust hat, ihren Schreibtisch nach draußen zu stellen, kann sie einfach die große Tür ihres Zimmers öffnen und den Tisch nach vorne ziehen. Die Möglichkeit, immer wieder ohne großen Aufwand ganz unterschiedliche Terrassen-Situationen zu schaffen, hat mich schon während der konzeptionellen Phase begeistert“, erklärt Klein-Wiele und richtet seinen Blick zur mit 400 Quadratmetern Glas bestückten Decke. „Die meistgestellte Frage ist, wie sich das Leben in einem Gewächshaus im Hochsommer gestaltet. Tatsächlich waren auch wir hier anfangs skeptisch. Doch der bis in den First verlegte Sonnenschutz mit einem Tuch, das die Sonne zu 68 Prozent reflektiert, schafft in Kombination mit den Fenstern im First und den über einen Seilzug zu steuernden Drehkipp-Flügeln einen vierzigfachen Luftwechsel. Das, was in Wintergärten üblicherweise so unangenehm ist, nämlich, dass die Luft steht, passiert hier eben nicht.“ Sollten die Temperaturen dennoch in den Sommermonaten unerträglich werden, sei eine zusätzliche Kühlung über die Fußbodenheizung oder eine Zerstäubungsanlage möglich. Nur den Einsatz einer hochtechnologischen Klimaanlage schließt Klein-Wiele aus: „Das passt einfach nicht zum Charakter des Gebäudes.“

Noch in diesem Jahr möchte die Patchwork-Familie den neugeschaffenen Wohntraum beziehen. Neben der Fertigstellung der inneren Kuben müssen bis dahin noch einige Betonsprossen des Palmenhauses neu gegossen und eingesetzt werden. Auch zahlreiche transparente Fenster, die den ungehinderten Blick ins Freie ermöglichen, verlangen nach ihrem Einbau. Sind diese Maßnahmen abgeschlossen, ist Krefeld um ein architektonisches Novum reicher. Die Revitalisierung des Palmenhauses zeigt beispielhaft, wie mit Engagement, Know-how und der Kraft der Vision Bauen im Bestand aussehen kann: einfach zauberhaft!