Joe BauschSeit 1998 unterstützt Joe Bausch die Kölner Kriminalbeamten Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) als Gerichtsmediziner Dr. Josef Roth im WDR-Tatort. Die Rolle ist ihm keinesfalls ganz unbekannt, denn neben seiner Schauspiellaufbahn, die in den Siebzi- gerjahren auf den Theaterbühnen Bochums begann, arbeitete Bausch seit 1986 als Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Bei seiner Pensionierung im Jahr 2019 trug er die Amtsbezeichnung „Leitender Regierungsmedizinaldirektor“ – der höchste Rang im poli- zeiärztlichen Dienst. Zum zehnten Jubiläum der Vortragsreihe „Notfallmedizin – Akut & Aktuell“ des Helios Klinikums Krefeld referierte Bausch vor dem interessierten Publikum über die Besonderheiten der Arbeit als Arzt in einem Hochsicherheitsgefängnis und hatte nebenbei Zeit für ein kurzes Gespräch mit uns.

KR-ONE: Herr Bausch, zu Beginn eine Frage, die Ihnen bestimmt noch nie jemand gestellt hat: Wie passen die Berufe des Schauspielers und des Anstaltsarztes unter einen Hut?

Joe Bausch: Das passt absolut zusammen! Wenn du keinen Bock hast, dir Menschen anzuschauen, zu ergründen wie sie ticken, wie sie fühlen, wie sie denken, dann kannst du sie weder spielen noch heilen.

//Sie haben im Theater in Bochum in sehr provokanten Stücken auf der Bühne gestanden. Stimmt es, dass Sie bei einem frühen Vorstellungsgespräch als Arzt abgelehnt wurden, weil sie nackt zu sehen gewesen waren?

Ich bin sehr oft nackt auf der Bühne gewesen! Das war damals in den Siebzigern unser Ding: obsessives, provokantes Theater. Machen wir uns nichts vor: Damit war auch die Hütte immer voll. Peter Zadek sagte damals: „Solange sich die Menschen über einen Nackten aufregen, werde ich jedes Mal einen auf die Bühne schicken!“ Im Publikum saßen natürlich auch Ärzte und Oberärzte aus den umliegenden Städten, denn wir waren angesagt. Und als ich mich dann beworben habe, wurde mir nahegelegt, es woanders zu versuchen. Man hatte die Befürchtung, dass die Oma sich weigert, sich von mir behandeln zu lassen, wenn sie mich erkennt. Aber ich habe dann ja einen Platz gefunden.

//Der Sprung, den sie vollzogen haben, ist aber schon enorm: vom gesellschaftskritischen Theater ins Gefängnis, der wahrscheinlich extremsten Verkörperung staatlicher Autorität.

Während meiner Bundeswehrzeit wurde ich einmal für 28 Tage in den Bau gesteckt, weil ich meinen Vorgesetzten angegriffen habe. Auch während meiner Studienzeit habe ich bei einer Demonstration von Polizisten mal etwas abbekommen. Wenn damals jemand gesagt hätte, dass ich mal in einer ähnlichen Institution mit vielen Uniformierten arbeiten würde, hätte ich gefragt, welche Drogen man denn erfinden und mir verabreichen wolle, damit das eintrifft. Das hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

//Was hat Sie an der Arbeit als Arzt im Gefängnis gereizt?

Ich habe dort zu einer Zeit angefangen, in der man viel bewegen konnte. Die RAF-Zeit war gerade vorbei, dann kamen die Altnazis, alte Männer, die von uns verhandlungsfähig gemacht werden mussten. Die Arbeit war sehr politisch und unheimlich spannend: Da lagen die Leute vor mir, die ich auf der Bühne gespielt hatte. Und die waren anders, als ich gedacht hatte. Dazu kam mein Einfluss. Ich konnte sagen: „So wird es gemacht.“ Das hat mir Spaß gemacht. Vielleicht war es auch eine kleine Abrechnung. Außerdem konnte ich weiter Theater spielen und Filme machen. Mit einer Praxis wäre das nicht möglich gewesen. Aber ich hätte im Knast nie etwas anderes sein wollen als Arzt. Mir war immer klar: Wenn es mir nicht mehr behagt oder ich für die Patienten nichts mehr tun kann, weil ich zum Zyniker geworden bin, kann ich gehen.

„ES GIBT IMMER MAL KOLLEGEN ODER AUCH DREHBUCHAUTOREN, DIE MICH ALS VORBEREITUNG FRAGEN, WIE ES IM GEFÄNGNIS ZUGEHT. ODER DENEN ICH ZEIGE, WIE ES IM GEFÄNGNIS ZUGEHT. ABER OB MAN DIESE ERFAHRUNG HABEN MUSS, UM VERBRECHER SPIELEN ZU KÖNNEN? NEIN.“

Seit über 20 Jahren beim Kölner Tatort dabei: Joe Bausch

//Als jemand, der neben der Schauspieltätigkeit noch einem „regulären Beruf“ nachgeht, sind sie schon eine Ausnahme unter ihren Kollegen, oder?

Es gibt noch ein paar: Christiane Paul, Maria Furtwängler, Mariele Millowitsch. Aber nur wenige gehen ihrem zweiten Job so dauerhaft nach. Das ist schon anstrengend.

//Haben Ihre Rollen von dieser anderen Sicht auf die Dinge profitiert?

Klar, es gibt immer mal Kollegen oder auch Drehbuchautoren, die mich als Vorbereitung fragen, wie es im Gefängnis zugeht. Oder denen ich zeige, wie es im Gefängnis zugeht. Aber ob man diese Erfahrung haben muss, um Verbrecher spielen zu können? Nein.

//Merken Sie es beim Dreh schon einmal an, wenn Sie meinen, dass da etwas völlig unrealistisch ist?

Ja, aber das mache ich als Arzt. Das gibt es oft, dass mir Dialogzeilen in den Mund gelegt werden, die ich nicht sagen will. Dann denke ich mir etwas anderes aus. Ich habe den Anspruch, dass das, was ich tue, halbwegs realistisch ist. Und Arztkollegen spiegeln mir das auch immer wider, dass ich nahe dran bin. Das ist ein Kompli- ment, aber auch eine Verpflichtung.

//Sie engagieren sich nebenbei für wohltätige Zwecke, setzen sich für Straßenkinder auf den Philippinen ein, kritisieren den Strafvollzug … Spüren Sie eine besondere Verpflichtung anderen Menschen gegenüber?

Nein, ich bin ein einfacher Bauernsohn. Ich denke es ist wichtig, „Arsch in der Hose“ zu haben und sich für andere, denen es schlechter geht, einzusetzen. Das Engagement auf den Philippinen begann mit meinem allerersten Tatort „Manila“. Was wir damals gesehen haben, hat uns bewogen, unseren Namen für einen guten Zweck einzusetzen. In den 21 Jahren, die seitdem vergangen sind, haben Klaus, Dietmar und ich gut fünf Millionen eingesammelt. Das macht Freude. Wenn ich dort unten bin, sehe ich, wie Medizin funktioniert und wie das, was ich gelernt habe, Menschen glücklich macht. Das macht Spaß.

//Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Oliver Nöding