Spektakuläre Showritte mit Lanze und Schwert

Kanonendonner hallt über das Gelände, und Feuerschwaden hüllen die Wälle der mittelalterlichen Burg in kriegerischen Nebel. Mittendrin ein Heer von Söldnern und ein wehrhafter Patrouillenreiter vom Niederrhein auf einem kraftvollen schwarzen Pferd, der sich zusammen mit seinen Gefährten den herannahenden Kölnern stellt, um mit eisernem Willen wieder Recht und Ordnung herzustellen. Spektakulärer Spielort ist die „Soester Fehde“, und der Ritter mit dem Rappen ist der Krefelder Holger Tudyka (52), im Hauptberuf Steuerberater.

 

Aufgalopp für den mittelalterlichen Kampf mit dem Schwert

Sportbegeistert war der Krefelder Niederlassungsleiter der bundesweit agierenden FRTG-Group, einem Zusammenschluss aus sechs Wirtschaftsund Steuerberatungsgesellschaften, schon immer. Das hat übrigens auch dazu geführt, dass er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit im Besprechungsraum seiner Kanzlei, die die Mitarbeiter liebevoll „Rittersaal“ nennen, vermehrt Mandanten aus Sportlerkreisen berät. Noch zu Gymnasialzeiten am Uerdinger Fabritianum entdeckte Tudyka seine Leidenschaft für American Football. Viele Jahre spielte er bei den Krefeld Chiefs und den Mönchengladbacher Mavericks. Mitte 40 kam das Aus. „Ich hatte mir die Schulter ausgekugelt und wusste sofort, dass es nun an der Zeit war, mit diesem Sport aufzuhören“, erzählt er. Aber wie auch im Berufsleben gibt es für Holger Tudyka keine Probleme, sondern nur Chancen, und so sattelte er um. „Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert und war fasziniert vom Fechtsport. Ich trat einer historischen Fechtgruppe des Moerser Fechtclubs bei, wo ich den Umgang mit Lanze, Reiteraxt und Schwert nach Meyer und Thalhofer aus dem 15. und 16. Jahrhundert erlernte. Dort beschäftigte man sich auch mit mittelalterlichem Reenactment, also der möglichst authentischen Neuinszenierung echter geschichtlicher Ereignisse. Diese Kombination hat mich sehr gereizt. Aber was ist schon ein Ritter ohne Pferd?“

Im Reitstall von Ina und Adrian Tempel in St. Hubert nahm der gestandene Mittvierziger ab sofort begeistert Herrenreitstunden und fand dort schnell ein neues sportliches Zuhause. Wenn man Holger Tudyka nach der „Faszination Reiten“ fragt, wird er ganz emotional: „Man erlebt sie sofort, wenn man nach einem stressigen Kanzleitag in die ruhigen, sanften Augen eines Pferdes blickt.“ Genau dieser Zauberblick von Friesenstute Uwkje van der Overbetuwe, die die Stallbesitzer 2015 im Auftrag verkaufen wollten, war dann auch der Schlüssel zum ganz persönlichen „Hobbywohlgefühl“ des Krefelder Steuerberaters, der den Rappen vom Fleck weg erwarb – eine mutige Entscheidung, die immerhin mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden ist. Aber Tudyka hat sie bis heute nicht bereut. Im Gegenteil: Beobachtet man ihn in der Stallgasse beim Putzen und Satteln seiner Uwkje, spürt man gegenseitiges Vertrauen, fast schon innige Zweisamkeit zwischen Mensch und Tier, was vor allem beim Training und den spektakulären Showritten auf Mittelalterfestivals am Niederrhein oder in Westfalen, aber auch in den Niederlanden und Belgien, so wichtig ist.

Dressurlektion unter Anleitung von Reitlehrerin Janine Kost

Eine Stunde fürs „Eindosen“
Gleich mehrere Helme, erstanden auf verschiedenen Mittelaltermärkten, gehören zur Ausrüstung des Krefelder Freizeitritters: eine Kalotte mit schlitzartigem Gesichtsschutz gegen Lanzenstiche, ein hochmittelalterlicher Nasalhelm aus der Zeit des 10. bis 12. Jahrhunderts und ein spätmittelalterlicher Eisenhut für Infanteristen, denn Holger Tudyka zeigt auch Schaukämpfe am Boden. Eine Stunde benötigt er zum „Eindosen“, wie er scherzhaft sagt. Dabei kann er auf die Mithilfe von Freundin Susanne hoffen, deren Hobby die Jagdreiterei ist und deren Pferd im selben Reitstall steht. Mittlerweile ist das „reiterliche Zuhause“ von Holger Tudyka und Stute Uwkje der heimatnahe Reitstall Wetzels in Krefeld-Inrath, wo er von Reitlehrerin Janine Kost, die durch diverse Auslandsaufenthalte verschiedenste Reitstile kennengelernt hat, auch das Einhandreiten lernt. Als Ritter braucht man schließlich die zweite Hand für die Lanze oder das Schwert. Besonderes Stück seiner Sammlung ist der „Anderthalber“, die knapp anderthalb Meter lange Nacharbeitung eines Originalschwerts aus dem 13. Jahrhundert mit rundem Griff, der wie ein Joystick gut in der Hand liegt. Um beim Rossfechten unter
Realbedingungen, also „Mann gegen Mann“ und mit Kanonen und Feuer, fester im Sattel zu sitzen, nimmt Holger Tudyka zusätzlich Unterricht auf der Soester Five Star Ranch von John und Diana Royer. Die beiden sind
Europameister im Westernreiten.

Aufsehen erregt der sportliche Mann, der neben dem Reiten auch joggt und das Fitnessstudio besucht, bei großen Festivals. Dann steigt Tudyka ftmals in kompletter Rüstung aufs Pferd. Sein Kettenhemd bringt 20 Kilo
auf die Waage und ist damit noch eines der leichteren. „Mehr Gewicht möchte ich Uwkje nicht zumuten“, erklärt der Pferdeversteher. Unter dem Kettenhemd trägt Holger Tudyka dann eine mit Rosshaar gefüllte Polsterjacke, die zusätzlichen Schutz bietet. „Einfache Ritter trugen damals nur diese Jacke, denn ein Kettenhemd kostete ein Vermögen. Dafür musste man Ländereien haben“, weiß der historisch Interessierte.

„Toll wäre mal ein Event rund um die Uerdinger Burg“: Holger Tudyka

Je länger der Gürtel, desto edler der Stand seines Trägers
Während Holger Tudyka, das Schwert in der rechten Hand, im versammelten Galopp unter der aufmerksamen Beobachtung seiner Reitlehrerin Zirkel und Volten reitet, geht der Blick des Betrachters auf seine hochmittelalterliche Gewandung: eine Mütze mit einer Fasanenfeder, langes Leinenhemd unter einem Wollmantel und im Gürtel ein Paternoster, die hochmittelalterliche Form des Rosenkranzes. Auffallend ist der lange Gürtel mit silbernen Beschlägen, das Statussymbol des Ritters.

„Je länger der Gürtel war, desto edler war sein Stand“, weiß Tudyka und gibt mit Blick auf seine spätmittelalterlichen Stulpenstiefel zu, dass diese zeitlich nicht ganz zum übrigen Gewand passen, sich aber besser zum Reiten eignen. In dieser Gewandung wird aus Holger Tudyka übrigens der Sohn von Reginar zu Krickenbeck, einem Lehnsritter des Grafen Otto von Geldern. „Ich stelle zwar eine fiktive Figur dar, aber belegt ist, dass Graf Reginar eine Tochter mit Namen Alveradis hatte. Und die könnte doch auch einen Bruder gehabt haben“, schmunzelt Tudyka, der sich bei der Ausübung seines Hobbys zwar der zeitgemäßen Beleglage verpflichtet sieht, aber keinen Anspruch auf hundertprozentige Authentizität hegt.

Ganz bei sich ist der 52-Jährige, wenn er mit seiner schwarzen Schönheit im Hülser Bruch ausreitet und – wie erstmals im Herbst 2019 – zusammen mit anderen Krefelder Reiterkolleginnen und -kollegen an der traditionellen Schleppjagd teilnimmt. Als mittelalterlichen Ritter kann man ihn demnächst wieder bei Festivals in der Region erleben, vielleicht sogar in Krefeld, wie Holger Tudyka vorsichtig orakelt: „Toll wäre doch mal ein Event rund um die ehemalige Uerdinger Burg am Rhein, wo wir die Geschichte der alten Rittersitze Neuenhofen und Haus Sollbrüggen und deren Rolle im politischen Konflikt zwischen Kleve/Geldern und Köln nachzeichnen“.