Die gebürtige Berlinerin Rosemarie Weber ist ein Urgestein der Krefelder Theater- und Literaturszene: Nach ihrer Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule in West-Berlin folgten Fest-Engagements in Frankfurt und Augsburg, Gastspiele führten sie nach Wuppertal, Bochum, Essen und Köln. Seit 1968 gehörte die Mimin bis zu ihrem Renteneintritt dem Ensemble des Theaters Krefeld und Mönchengladbach an. Ihrer künstlerischen Heimatstätte hält sie nach wie vor die Treue, so unter anderem als imposante chinesische Kaiserin in Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“. Über 20 Jahre lang war sie in großen Rollen bei den Schlossfestspielen Neersen zu erleben. Mit großer Leidenschaft widmet sich Rosemarie Weber der Rezitation, gastiert mit Lesungen über die Stadtgrenzen hinaus und hat sich von den Brettern, die die Welt bedeuten, noch lange nicht verabschiedet.

Wo leben Sie heute und was machen Sie dort?
Ich lebe seit 50 Jahren in Krefeld, meiner zweiten Heimat; in Berlin bin ich nur geboren und zur Schule gegangen. Ich habe kleine Programme, mit denen ich unterwegs bin, zum Beispiel lese und spiele ich gemeinsam mit einem jungen Harfenisten Antoine de Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“ in Altenheimen – und lasse es mir auch nicht nehmen, in meiner Gemeinde die Weihnachtsgeschichte vorzutragen.

Für welches Gericht würden Sie jedes Sterne-Menü verschmähen und wer kocht es am besten? Wonach ich immer Ausschau halte, ist Rinder- oder Schweineleber mit Äpfelchen und Zwiebeln – nur bloß keine Kalbsleber, die schmeckt so fad! Meine Schwiegermutter hat es ausgezeichnet zubereitet.

Welches war die erste Platte, die Sie in Dauerschleife gehört haben?
Vermutlich war es Mozarts „Kleine Nachtmusik“, es könnte aber auch ein Konzert von Tschaikowsky oder Prokofjews „Peter und der Wolf“ gewesen sein. Ich habe auch eine große Leidenschaft für Sprechplatten.

Wenn Sie die Augen schließen, welcher Sehnsuchtsort erscheint Ihnen und warum?
Ganz kitschig: Venedig! Da wollte ich immer schon hin! Aber alle Leute raten mir ab aufgrund der Menschenmassen und der Kreuzfahrtschiffe. Wenn ich Venedig – auch das traurige, morbide – in Filmen sehe, bin ich aber immer noch versucht, hinzureisen.

Welches war der historischste Moment in Ihrem Leben?
Weil es so undenkbar war: der Mauerfall! Meine Familie hat in Berlin-Steglitz gewohnt, und ich habe auch den Mauerbau miterlebt. Wir haben uns häufiger mit Verwandten aus Cottbus am Checkpoint Charlie getroffen. Es war ein einziges Tränenmeer: Wie man gefilzt und beäugt wurde, das war unmenschlich. Als die Mauer offen war, bin ich mit meiner Schwester von Steglitz aus durch das Brandenburger Tor gelaufen, und ich bedauere es sehr, dass meine Eltern nicht mehr erleben konnten, dass das sein durfte! Auch als ich mit meinem Mann und meiner Tochter im Harz die Eckertalsperre überqueren durfte, war dies ein erhebender Moment.

Was wird an Ihnen für gewöhnlich unterschätzt?
Unterschätzt? Das kann ich gar nicht sagen. Geschätzt werde ich für meine preußische Standhaftigkeit – und für meine Pünktlichkeit, die am Theater so wichtig ist.

Welches war das schönste Kompliment, das Sie jemals bekommen haben und von wem?
Es kommt immer wieder vor: Wenn ich zum Beispiel durch den Stadtwald gehe und ich werde angesprochen: „Ach, Sie haben so schön die Weihnachtsgeschichte gelesen!“ oder „Ich erinnere mich noch so gut an Ihre Mutter Courage!“, dann bin ich ganz gerührt.

Zu welchem Anlass haben Sie zuletzt einen handgeschriebenen Brief verschickt?
Ich schreibe so gerne, vor allem mit Füller. Der letzte war zum Abitur meiner Enkelin. Ich schreibe auch gerne Geburtstagspost, es ist mir sehr wichtig.

Wie haben Sie‘s mit der Religion?
Ich stamme aus einer alten Pfarrersfamilie und habe mir – Gott sei Dank – das Urvertrauen an die göttliche Allmacht bewahrt. Ich kann bitten und beten – und vor allem danken. Zuletzt habe ich dies beeindruckend beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund erlebt.

Und zu guter Letzt: Denk‘ ich an Krefeld…
Ich habe hier meine Kinder großgezogen und fühle mich so wohl hier. Ich schätze das Grün, den Stadtwald, den Bruch, Gebäude wie das Moltkegymnasium, die vielen denkmalgeschätzten Wohnhäuser, zum Beispiel auf der Uerdinger Straße oder auf dem Südwall, auch die Menschen, die Kirchen, das Theater. Ich bin gerne hier zuhause und habe mein Zuhause gerne in Krefeld!

Vielen Dank für das Gespräch! Interview: Christine Lauter