Mit seinem Namen verbindet das langjährige Theaterpublikum Sensationserfolge wie Mozarts „Figaros Hochzeit“, Wagners „Der fliegende Holländer“ oder Beethovens „Fidelio“: Anthony Bramall, Generalmusikdirektor der damals noch so benannten Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach der Jahre 1995 bis 2002. Die zahlreichen Abende unter seinem Taktstock blieben nicht nur am Niederrhein in lebhafter Erinnerung, sondern dienten dem charmanten Briten auch als Karrieresprungbrett: Aus hiesigen Gefilden zog es ihn bis 2008 weiter an das Badische Staatstheater Karlsruhe in dieselbe Position. Anschließend widmete sich Anthony Bramall drei Jahre lang der akademischen Nachwuchsförderung als Professor der Dirigierklasse für Musiktheater an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar. Es folgte ein Engagement als ständiger Gastdirigent sowie als stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig. Heute leitet der geschätzte Maestro bereits in der dritten Spielzeit und mit großer Breitenwirkung als Chefdirigent das Geschick des renommierten Gärtnerplatztheaters in München.

 

Wo leben Sie heute und was machen Sie dort?
Ich lebe in einem Vorort von Karlsruhe mit meiner Frau Bianka und habe aufgrund meiner beruflichen
Position am Gärtnerplatztheater eine Dependance in München.

Für welches Gericht würden Sie jedes Sterne-Menü verschmähen und wer kocht es am besten?
(lacht:) Ich bin ein großer Fan der japanischen Küche. Es wird also nicht gekocht, sondern geschnitten: Ich liebe ein fantastisches Sashimi bei einem guten Japaner!

Welches war die erste Platte, die Sie in Dauerschleife gehört haben?
Oh, das ist wirklich schwer zu sagen… Entweder war es in meiner Schule an der Westminster Abbey oder in den Trimesterferien zu Hause bei meiner Familie: Ich habe irgendwann Richard Wagners „Götterdämmerung“ am laufenden Meter gehört. Aber, wenn ich so nachdenke, könnte es in der Schule auch die Sinfonie in d-moll von César Franck gewesen sein.

Wenn Sie die Augen schließen, welcher Sehnsuchtsort erscheint Ihnen und warum?
Das ist auch richtig schwer zu sagen… Aber ich glaube, es ist Venedig. Ich war sehr, sehr, sehr oft dort seit meiner Kindheit. Einmal war ich mit meinen Eltern und einem Schulfreund dort, er hatte ein motorisiertes Schlauchboot dabei, mit dem wir sogar durch die Kanäle gefahren sind.

Welches war der historischste Moment in Ihrem Leben?
(denkt lange nach:) Persönliche Momente und berufliche sind zwei verschiedene Dinge: Hoch oben in der einen Spalte steht die Hochzeit mit meiner Frau. Beruflich ist es vielleicht, die Sinfonie Nr. 8 von Gustav Mahler dirigiert zu haben oder den kompletten Ring-Zyklus von Richard Wagner. Aber es ist auf keinen Fall der
gleiche Topf!

Was wird an Ihnen für gewöhnlich unterschätzt?
Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich bin inzwischen seit einigen Jahren in einer Position, dass man es
mir nicht mehr sagt. Vielleicht ist es meine Fähigkeit, Auto zu fahren. Ich habe es nämlich erst sehr spät gelernt, mit über 50 Jahren… (lacht) …wie viele Dirigenten übrigens!

Welches war das schönste Kompliment, das Sie jemals bekommen haben und von wem?
Es gibt Komplimente, darüber spricht man nicht. Aber für mich ist es immer ein großes Kompliment, wenn das Publikum mir nach einem Konzert oder einer Vorstellung sagt, es habe Dinge in der Musik gehört, die es zuvor nicht wahrgenommen habe.

Zu welchem Anlass haben Sie zuletzt einen handgeschriebenen Brief verschickt?
(lacht herzlich): Wollen Sie das wirklich wissen?! Der war an meine Versicherung, zusammen mit meinen Arztrechnungen. Ich habe nämlich eine ganz schlimme Handschrift!

Wie haben Sie‘s mit der Religion?
Gar nicht. Dazu muss ich ergänzen, dass ich Religion für eines der interessantesten Themen überhaupt halte, und ich habe mich lange damit beschäftigt. Aber ich hab’s nicht mit ihr.

Und zu guter Letzt: Denk‘ ich an Krefeld…
…gehört dazu, dass ich eigentlich ein Gladbacher war, da vertraglich festgelegt war, dass ich dort meinen
Wohnsitz hatte. Dadurch bin ich nach Krefeld immer wie zu einem Gastspiel gekommen. Aber ich wurde dort sehr gut behandelt! Ich fand das Theater in Krefeld ganz toll, es war schön, so einen großen Orchestergraben zu
haben, dass man Werke adäquat besetzen konnte. Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Oberbürgermeister Dieter Pützhofen und dem Kulturdezernenten Roland Schneider (heute Schiffer, Anm. d. Red.) war sehr gut. Die
Krefelder, insbesondere die Mitglieder des Freundeskreises vom Theater, waren sehr kultivierte und liebe Menschen. Auch an den Niederrhein habe ich gute Erinnerungen, vor allem meine Begegnungen mit Hanns Dieter Hüsch. Mit ihm traf ich häufig beim jährlichen Parkfest auf Schloss Wissen in Weeze zusammen. Einmal berührte er mich mit seinem Finger an der Brust und sagte: „Ich mag Sie!“

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christine Lauter