Die Teppichkante übersehen, den Fuß auf der Treppe nicht ganz hochgehoben oder auf dem Bordstein umgeknickt – wenn der Körper altert, der Geist an Kraft verliert und die Muskeln einfach nicht mehr so gut funktionieren, ist ein Unfall schnell geschehen. Die Aussage „Oma hat sich ein Bein gebrochen“ treibt das Mahlwerk an, das sich jetzt in Gang setzt: Denn wenn ein Angehöriger auf einmal pflegebedürftig wird, steht die Welt oft Kopf.

Netzwerk Wirtschaft & Familie

Kristina Freiwald

„Ich habe das selbst bei meiner Großmutter erlebt“, erinnert sich Kristina Freiwald von der Wirtschaftsförderung Krefeld. „Meine Mutter lebt im Ausland, deswegen war ich auf einmal die pflegende Angehörige. Im Moment der emotionalen Belastung neben Job und Kindern auf einmal einen Plan zu machen, fällt schwer und überfordert.“ Im Rahmen des „Krefelder Netzwerks Wirtschaft & Familie“ haben die zugehörigen Netzwerkpartner deswegen ein Konzept geschaffen, das Angehörige, aber vor allem auch Unter- nehmen, helfen soll, Mitarbeiter in solchen Krisensituationen zu unterstützen. Mit unterschiedlichen Tools versuchen sie, dafür zu sensibilisieren, Arbeitnehmer mit der Pflege der Angehörigen nicht allein zu lassen, sondern transparent und geordnet Hilfestellungen anzubieten. „Im Gesetzbuch gibt es klare Richtlinien, wie ich als Unternehmen helfen kann,“ erklärt Jurist Michael Fechler von der Unternehmerschaft Niederrhein als Teil des Netzwerks. „Die meisten Unternehmen kennen diese Gesetze aber überhaupt nicht. Niemand muss im Ernstfall Lösungen zusammenflicken, die Wege sind bereits gepflastert.“

Konkret bedeutet das, dass das Pflegezeitgesetz und das Familienpflegezeitgesetz seit 2008 bzw. 2011 vorgeben, wie sich Beruf und Pflege vereinbaren lassen. Bei einer akuten Pflege kann sich der Arbeitnehmer mit sofortiger Wirkung zehn Tage von der Arbeit befreien lassen. Im Rahmen dieser Freistellung kann er außerdem schriftlich beantragen, weitere sechs Monate zur Pflege der eigenen Mutter, der Oma oder selbst der Schwester von der Arbeit entbunden zu werden, das besagt das Pflegezeitgesetz. Anschließend ist es sogar möglich, laut Familienpflegezeitgesetz, noch einmal die Arbeitszeit für weitere 18 Monate zu reduzieren: Wer neben der Pflege bereit ist, 15 Stunden in der Woche seiner Tätigkeit nachzugehen, kann den Arbeitslohn erstattet bekommen. Der Arbeitgeber wird dabei laut Gesetzbuch finanziell unterstützt. „Dadurch kann der Betrieb Mitarbeitern die Möglichkeit geben, womöglich die letzte Zeit mit einem nahestehenden Menschen zu genießen und ihn bis zum letzten Moment zu begleiten“, erklärt Fechler weiter. „Das sollte niemand verpassen, nur weil ihm die Karriere im Weg steht.“

Netzwerk Wirtschaft & Familie

Michael Fechler

Dafür hat das Team um Kristina Freiwald und Michael Fechler Instrumente entwickelt, die Arbeitgebern helfen, in ihrem Unternehmen die Weichen für ein familienfreundliches Umfeld zu finden. „Wir bieten auch Leistungen rund um die Vereinbarung von Job und Nachwuchs an, aber da ist eigentlich in vielen Unternehmen inzwischen gut für gesorgt“, erklärt die emphatische Krefelderin. „Mit den neuen Angeboten möchten wir uns wirklich konkret auf pflegende Angehörige spezialisieren.“ Kostenfrei steht dafür der „Betriebliche Pflegekoffer für Krefeld“ online zur Verfügung: In zwei unterschiedlichen Paketen, einmal für den Arbeitgeber und einmal für den Beschäftigten, erklärt der Katalog auf verständliche Art zum Beispiel die unterschiedlichen Gesetze, zeigt auf, welche Betreuungsformen es für Pflegebedürftige in Deutschland gibt, erklärt Patientenverfügungen und Vor- sorgevollmachten und listet Hilfestellen und Beratungsinstitutionen auf. „Damit haben Angehörige und auch Personalverantwortliche etwas in der Hand, ein Instrument, das ihnen hilft“, beschreibt Freiwald weiter. „Jede Orientierung ist im Ernstfall wichtig.“

Erweitert kann ein Betrieb mit dem Bereitstellen eines betrieblichen Pflegelotsen reagieren: Ab November bietet das Krefelder Netzwerk Wirtschaft & Familie die besondere Qualifikation für Personalbeauftragte, Geschäfts- führer oder gute Seelen im Unternehmen an. In einem zweitägigen Kurs bekommen diese die Inhalte des Pflegekoffers ausführlich erklärt und lernen darüber hinaus Kommunikationsskills, die im Umgang mit betroffe- nen Mitarbeitern emphatisch und gewinnbringend sind. Ein Zertifikat macht sie anschließend zum Pflegelotsen des eigenen Betriebes. „Für Betroffene ist der Schritt, um eine Entlastung beim Arbeitgeber zu bitten, oft schwer und mit Angst und Hemmschwellen verbunden“, beschreibt Michael Fech- ler. Eine klare Zuordnung, die den entsprechenden Kollegen offiziell beauftragt, für pflegende Angehörige da zu sein, sei ein Türöffner und regle Strukturen.

Netzwerk Wirtschaft & Familie

Auch Fechler selbst kennt diese Situation: Als Jugendlicher wächst er in einem Mehrgenerationenhaus auf. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater sind berufstätig. Als die Großmutter schwer erkrankt, kümmert man sich gemeinsam um die Pflege. Was früher normal war, stellt sich in Zeiten des globalen Wandels als schwierig heraus: Nicht selten sind Familienmitglieder über den ganzen Globus verteilt. Außerdem hat sich das typische Rollenbild vom arbeitenden Mann und der Mutter als Hausfrau aufgelöst – inzwischen sind meist beide Parteien berufstätig. „Betriebe glauben oft, dass die Work-Life-Balance nur die Arbeit und die Freizeit betrifft“, betont Freiwald als dreifache Mutter und Vertreterin des Netzwerks. „Aber auch eine belastende Familiensituation spielt da hinein. In Zeiten von Fachkräftemangel sollten wir alles dafür tun, dass es unseren Mitarbeitern gut geht.“

KREFELDER NETZWERK WIRTSCHAFT & FAMILIE Seit 2014 ist das Netzwerk eine Initiative der Stadt Krefeld, der Wirtschaftsförderung Krefeld, der Unternehmerschaft Niederrhein e.V., der Agentur für Arbeit und des Jobcenters Krefelds, der Sparkasse Krefeld und der SWK Stadt- werke Krefeld AG.

TERMINE FÜR UNTERNEHMEN „Wirtschaft um Vier“, Thema: „Mit Familienfreundlichkeit zu neuer Energie“, 1. Oktober, 16 Uhr, Stadtwerke Krefeld, St. Töniser Straße 124, Anmeldung über: www.wirtschaft-familie- krefeld.de/anmeldung

PFLEGEKOFFER Weitere Informationen zu den Themen Pflegekoffer und Pflegelotse finden Sie im Internet unter www.wirtschaft-familie- krefeld.de/pflegekoffer