Methusalem wird im Alten Testament der als ältester Mensch der Welt erwähnt. Beinahe tausend Jahre alt soll der Vorfahre Noahs geworden sein. Heute nutzen wir den Namen des vorsintflutlichen Urvaters metaphorisch für einen überdurchschnittlich alten Mann. Der 93-jährige Werner Kisters ist ein solch seltener Methusalem, ein besonderer Mensch, in mehrfacher Hinsicht: Als einer der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, als ehemaliger Hitlerjunge, als Ur-Krefelder, als liebender Ehemann, Vater und vielfacher Großvater trägt der freundliche Senior viele Erinnerungen im Herzen. Doch anders als die meisten Gleichaltrigen steckt der „krieewelsche Jung“ noch immer voller Tatendrang. Nach zwei Büchern über seine bewegte Vergangenheit hat der umtriebige Rentner nun den Schritt ans Mikrofon unternommen, um seinen persönlichen Lebensrückblick zu vertonen.

„Mit Humor“ hat Kisters seine Memoirensammlung getauft, denn „Freude, die man anderen gibt, kehrt ins eigene Herz zurück!“

An einem trüben Herbstdonnerstag steht Werner Kisters vor der Musikanlage im rustikal eingerichteten Wohnraum seines Seniorenapartments und legt eine CD ein. Auf dem Kopf trägt er einen beigen Hut, sein Markenzeichen, dazu ein weißes Polohemd, Jeans und eine dunkle Wollweste. Fit sieht er aus, seine gesunde Gesichtsfarbe zeugt von vielen Ausflügen ins Grüne. Mit der Fernbedienung wählt er einen der letzten Titel an und wartet ab. „Das ist ein wichtiges Lied. Da habe ich eine Beziehung zu“, sagt er, bevor er gemeinsam mit Sänger Ronny die erste Strophe anstimmt. „Es gibt Stunden, da geh’n deine Träume dahin, jeder Tag wird grau und trüb. Und das Leben verliert für dich all seinen Sinn, nichts was dir von allem blieb. Doch die Sonne geht unter, die Sonne geht auf und das Leben geht weiter“, singt Kisters inbrünstig mit. Zum Refrain erreicht seine Stimme mit der Musik ein schallendes Mezzoforte. Dabei blickt er uns unbeirrt an, als versuche er die Bilder vor seinem inneren Auge durch Worte und Melodie direkt in unsere Herzen zu schicken. Seine Stimme ist voll, die Töne klar, und er rollt, wie man es von Jopi Heesters und Heino kennt, das „R“. „Da kommen Erinnerungen hoch“, sagt Kisters, als die Melodie abklingt, und lässt sich in einen seiner mit dunkelgrünem Leder bezogenen Sessel fallen. Um Kisters Hals baumelt eine schmale Kette mit einer Uhr und einer kleinen silbernen Ikone daran. „Die Uhr war ursprünglich von der Gräfin von Zons. Meine Frau hat sie von ihrer Ur-Ur-Oma bekommen, die dort Wirtschafterin war. Seit sie verstorben ist, trage ich die Uhr um den Hals“, sagt er und fasst den Talisman liebevoll an. Nach dem Tod seiner Frau zog Kisters in die Seniorenwohnung, in der wir heute eine gemeinsame Reise durch seine Vergangenheit unternehmen.

Seine Kindheit beschreibt Werner Kisters als weitestgehend unbeschwert. Sein Geburtsstadtteil Dießem war damals noch ländlich und familiär. Mit sieben erhielt Werner Kisters seine erste Mundharmonika, die ihn fortan überall hin begleitete, er spielte Fußball, gehörte zur katholischen Pfadfinderschaft, war ein leidenschaftlicher Sänger. Als er Ende der 1930er Jahre eine Kaufmannslehre beginnen und seine Hobbys vernachlässigen musste, zog der energische Jugendliche drastische Konsequenzen, die seinem vergnügten, umtriebigen Alltag in Dießem bald ein Ende setzen und ihn seines humorvollen Naturells für lange Zeit berauben sollten. „Die Lehre hat mich so gelangweilt. Deshalb habe ich mich kriegsfreiwillig gemeldet. Das haben viele so gemacht. Wir dachten damals, wir würden als Helden zurückkommen“, erinnert er sich. Sechs seiner Schul- und Pfadfinderkameraden waren mit ihm in den Krieg gezogen. Nur Werner Kisters überlebte. In die Augen des alten Mannes tritt ein trauriger Ausdruck, auf die Stirn Falten schmerzlicher Erinnerung. Mit an den Niederrhein brachte der von der Gefangenschaft in Stalingrad völlig geschwächte Heimkehrer 1947 ein schweres Trauma. Drei Monate lang wurde er im Krankenhaus Maria Hilf aufgepäppelt – während der Körper zu Kräften kam, litt der Geist weiter. „Zu einem Psychiater konnte ich nicht gehen. Wenn früher Leute geistig krank waren, dann haben die anderen gesagt ‚Der ist jeck‘, als wenn er das selber Schuld wäre.“ Werner Kisters schüttelt den Kopf. Anders als andere Überlebende der Kriegszeit, die den Weg der Verdrängung und den Mantel des Schweigens wählten, erkannte Kisters für sich, dass nur die direkte Auseinandersetzung mit dem Erlebten ihm würde helfen können. Und der Humor.

Doch ehe sich der Kriegsversehrte schließlich seine während der verhassten Ausbildung erlernten Fertigkeiten an der Schreibmaschine zunutze machte, vergingen viele Jahre. Jahre, in denen Werner Kisters Vater wurde und
Großvater, in denen er das Erlebte sortierte und reflektierte. Mit 79 Jahren versuchte er sich dann erstmalig als Autor: Ein neues Kapitel, das den Rentner eine ungeahnte Leidenschaft entdecken ließ. „Ich dachte immer,
ich könne nicht schreiben. Meine Deutschlehrerin früher sagte zu mir: ‚Mit dir wird das nix‘. Wir mussten bei ihr jedes Jahr etwas Schnulziges zum Muttertag verfassen und solche Sachen – mir isset bald schlecht geworden“, lacht er und verdreht die freundlichen blauen Augen. „Das waren einfach nicht meine Themen. Dass ich spannend schreiben kann, habe ich erst gemerkt, als ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe.“
Zwei Bücher hat Kisters seither verfasst. Die Kriegsretrospektive „Einer vom Jahrgang 25“ stellte er 2002 fertig, in der 2017 erschienenen Veröffentlichung, „Mit Humor“, schreibt er über seine intensivsten persönlichen
Erinnerungen. Über die frühen Jahre in Dießem. Über den Schulunterricht, die Pfadfinderzeit, seine Mundharmonika. Über seine Liebe zum Niederrhein und zu seiner Frau Josefine. Im Kontrast zu diesen sonnigen Momentaufnahmen haben auch Erlebnisse ihren Weg in das rund 100 Seiten starke Taschenbuch gefunden, die psychische Narben hinterlassen haben: der Kriegsfreiwilligendienst, die Verluste der Kameraden, der schmerzliche Abschied von Ehefrau und Sohn innerhalb weniger Monate des Jahres 2011. Der Text des Liedes, dass er zur Begrüßung so voller Inbrunst für uns gesungen hat, wirkt wie ein Mantra, dass sich Kisters ein Leben lang immer wieder vor Augen hielt. Es ist die die Essenz einer Lebenseinstellung und das Fazit seiner Memoiren.

„Ich hatte eine so schöne Kindheit, an die ich mich gerne erinnere. Aber nicht alle haben dieses Glück. Deshalb wünsche ich mir, dass die Leute, die sich für meine Geschichten interessieren, im Gegenzug für die kostenlose CD etwas an das Stups Kinderhospiz spenden“

Den „Jungen mit der Mundharmonika“ nennt Kisters sich selbst. Sein erstes Instrument wurde ihm in Stalingrad abgenommen

Die Vertonung seiner Erinnerungssammlung ist eine Mischung aus selbst gesprochenen Textpassagen und erinnerungsträchtigen Liedern. Einige davon hat Kisters selbst eingesungen und mit der Mundharmonika begleitet. In wenigen Tagen wird der 93-Jährige sie hundertfach professionell brennen lassen. Sogar ein passendes Cover hat er entworfen. Darauf zu sehen: die Landschaft des Niederrheins und er selbst mit seiner geliebten Mundharmonika. Die CDs möchte er verschenken, wünscht sich dafür allerdings eine kleine Gegenleistung. „Ich hatte eine so schöne Kindheit, an die ich mich gerne erinnere. Aber nicht alle haben dieses Glück. Deshalb wünsche ich mir, dass die Leute, die sich für meine Geschichten interessieren, im Gegenzug für die kostenlose CD etwas an das Stups Kinderhospiz spenden“, erklärt Kisters. Trotz aller belastenden Erlebnisse strahlt der 93-Jährige Herzlichkeit und Frohsinn aus. Die typisch niederrheinische Natur mit ihrer unbekümmerten Ehrlichkeit und der augenzwinkernden Ironie zieht den Zuhörer in seine Geschichten hinein. Man möchte mitweinen und vor allem mitlachen. „Humor muss in der Wiege liegen. Man kann Witze machen, aber die haben nicht unbedingt diese Wärme, die echte Freude verbreitet. Ich glaube, ich habe die“, sagt er selbstbewusst und lacht: „Machen Sie in der KR-ONE doch mal eine Humorecke! Ich würd‘ die auch schreiben.“ Zum Abschied singt Werner Kisters noch ein Lied – den ersten Titel seiner CD: „Ich bin kinne Kölsche, ich bin vom Niederrhein. Da werd‘ ich auch immer bleiben, das kann nicht anders sein!“

 

Wer Werner Kisters Geschichten gerne anhören möchte, ist eingeladen, sich eine kostenlose CD abzuholen. Die CDs gibt es beim „Music – Made in Krefeld“-Stand (Hütte 10) auf dem Made in Krefeld-Weihnachtsmarkt und bei Werner Kisters, bitte vorher anrufen unter 0151 59470537.
Das Buch „Mit Humor“ mit der ISBN 3744882861 kann in allen regulären Buchläden erworben werden.

Die Spende an das Kinderhospiz kann an folgendes Konto entrichtet werden:
DRK-Schwesternschaft Krefeld e.V. | Volksbank Krefeld | IBAN DE92 320 | 603 62 000 00 54 321 | Kennwort: stups